Gelesen: „Fleischmarkt“ von Laurie Penny

Laurie Penny hat mit „Fleischmarkt“ vor ein paar Jahren eine feministische Abrechnung vorgelegt. Sie selbst schreibt:

Dieses schmale Buch ist der Versuch, einige der Strategien aufzuzeigen, mit denen die Frauenkörper im Spätkapitalismus entmachtet und kontrolliert werden.

(Seite 9)

Penny geht auf die Verdinglichung und Selbstverdinglichung von Frauen* ein. Frauen* werden im „patriarchalen Kapitalismus“ (Penny) zu einem ‚Objekt‘ oder ‚Ding‘ gemacht. Sie erwerben damit nach Baudrillard erotisches Kapital. Doch selbst wenn das gelingt, so ist es nur eine Zeit lang möglich.
Penny ist es dabei wichtig zwischen sexueller Intimität und erotischen Kapital zu unterscheiden.
Denn im kapitalistischen Patriarchat ist Sexualität nur eine entfremdete Sexualität:

Was uns umgibt, ist nicht Sex an sich, sondern die Illusion von Sex, eine Airbrush-Fantasie von Sexualität mit erzwungenem Spaßfaktor, die so steril wie unbarmherzig ist.

(Seite 22)
Besonders stark kommt das in der Mainstream-Pornografie zum Ausdruck. Dessen kapitalistischen Charakter beschreibt sie mit eindrücklichen Worten:

Die vom Spätkapitalismus geprägten formalen Regeln der Pornografie sind der Dreh- und Angelpunkt der modernen sexuellen Gefühllosigkeit: eine endlose Parade von rumpflosen Schwänzen, die in irgendwelche Löcher eindringen, eine freudlose, industrialisierte Sexualität mit fließbandmäßig pumpenden Kolben, die ständig darum bemüht ist, neue gesteckte Grenzen des »Hardcore« in Geld zu verwandeln, mehr Wichse zu melken, Analmuskeln weiter zu dehnen und Körperöffnungen zur doppelten, dreifachen, vierfachen Menge an gesichtslosen Genitalfleisch zu öffnen.

(Seite 28)

Auch dem Thema Sexarbeit widmet sich Penny in einem Abschnitt. Sie weist dabei auf die Ironie der Tabuisierung von Sexarbeit im Kontrast zur sexistischen Werbung hin:

An Ironie kaum zu überbieten in den Geschlechterinszenierungen der westlichen Welt ist nämlich die Tatsache, dass der Verkauf von Sex nach wie vor in einer dunklen Unterwelt des sozialen Tabus, der kriminellen Machenschaften und der Gewalt stattfindet, während der sexualisierte Verkauf allgegenwärtig ist.

(Seite 37)

Ein weiterer Abschnitt widmet sich den Essstörungen, die vor allem Frauen* und Mädchen* im Westen betreffen:

Der Triumph des freiwilligen Hungerns ist die größte Niederlage des Feminismus in der westlichen Welt.

(Seite 47)
Penny hat hier selber entsprechende Erfahrungen gemacht. Sie beschreibt ihre Selbsternächtigung:

Erst nachdem ich anfing zu akzeptieren, dass mein Wert als Person nichts damit zu tun hat, wie mein Körper für andere Menschen aussieht, erlaubte ich mir, den Raum zu nehmen, den ich brauchte, und die Macht zu entwickeln, nach der ich mich so sehnte.

(Seite 68)
Sie widerspricht der Annahme, dass Esstörungen nur auf vorherrschende Schönheitsbilder zurückzuführen sind. Zum Teil geht es auch um Selbstbestrafung oder Unsichtbarkeit-werden.
Frauen* oder Mädchen*, die körperliche Geschlechtsmerkmale versuchen wegzuhungern oder die sich vor den Nachstellungen von Männern unsichtbar hungern wollen. Nicht ohne Grund, sind laut Penny etwa 25% aller Frauen und 50% aller Männer mit Essstörungen nicht heterosexuell.

Ebenfalls kritisch widmet sich Penny dem Thema (weibliche) Hausarbeit. Obwohl diese unsichtbar ist, dabei ist sie eine notwendige Basis des patriarchalen Kapitalismus:

In Wirklichkeit ist Hausarbeit überhaupt nicht trivial. Ohne die Arbeit, die Frauen umsonst leisten, würde jede westliche Ökonomie innerhalb weniger Tage kollaborieren.

(Seite 95)

Gut ist, das Penny auch Klasse als Kategorie in ihre Kategorie einfließen lässt. Das Buch von Penny ist wütend, ehrlich und überaus lesenswert und das für alle Gender.

Laurie Penny: Fleischmarkt, Hamburg 2012.

„fluter“-Ausgabe zum Thema „Geschlechter“

Die Ausgabe Winter 2015/2016 von „fluter“, dem kostenlosen Magazin der „Bundeszentrale für politische Bildung“ widmet sich dem Thema „Geschlechter“.
Obwohl ein Regierungsprodukt, sind „fluter“ in den letzten Jahren immer wieder spannende Ausgaben erschienen. Stellenweise hatte man den Eindruck, dass sich ein paar kritische linke Geister in die Redaktion eingeschlichen haben.

So liest sich auch diese Themen-Ausgabe sehr spannend. Da wird über die soziale Produktion der Kategorie Geschlecht diskutiert. Die Texte zu Alice Schwarzer und den Femen erscheinen etwas unkritisch, dafür gibt es aber z.B. einen spannenden Artikel über Transpersonen in Argentinien. Die*der Leser*in erfährt das Transpersonen in Argentinien im Durchschnitt nur 35 Jahre alt werden, statt 78 Jahre wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Trotz Verfolgung und Alltagsdiskriminierung gibt es aber im öffentlichen Dienst in der Provinz Buenos Aires die weltweit bisher einzigartig Transquote von 1%.

An anderer Stelle wird der Bechdeltest auf die bisher erfolgreichsten Filme in Deutschland angewandt und es gibt auch einen unaufgeregten Artikel über Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache.

Auch Berufswahl und Geschlecht werden genauer betrachtet. So verteilt sich die Hälfte aller weiblichen Azubis auf zehn Berufe, die zumeist eher schlecht bezahlt sind. Während aber Frauen in ‚Männerjobs‘ (z.B. Professorinnen oder Managerinnen) häufig von der berühmten „gläsernen Decke“ gestoppt werden, ist es bei Männern in ‚Frauenjobs‘ genau anders herum. Statt einer „gläsernen Decke“ existiert hier ein „gläserner Fahrstuhl“, der ihre Karriere beschleunigt.

Sara Geisler schreibt in „erstmal fragen“ über die Geschlechter-Apartheid in Saudi-Arabien:

Um arbeiten zu dürfen, brauchen Frauen in Saudi-Arabienm die Genehmigung eines männlichen Vormunds, egal ob Ehemann, Vater oder Bruder. Ohne dessen schriftliches Einverständnis darf eine saudische Frau weder ihren Pass erneuernnoch ins Ausland reisen, weder zum Arzt gehen noch ihr Kind behandeln lassen. Sie darf nicht studieren, kein Konto eröffnen und keinen Miet- oder Handyvertrag unterschreiben.

Interessant ist das Experiment aus einer Ausgabe des Spiegel-Magazins alle Bilder von Menschen auszuschneiden und nach (angenommenen) Geschlecht zu sortieren. Bei der Betrachtung fällt auf, dass auch über das Medium Bild Geschlechterstereotype reproduziert werden. Frauen* werden über ihr Äußeres vorgestellt, also leicht bekleidet oder mit Kopftuch. Männer* dagegen seriös und häufig im Anzug.

Der Artikel „Was wir nicht sehen“ von Khola Maryam Hübsch widmet sich dem Bild der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf ‚den Islam‘ und dem Frauenbild im Islam. Der erste Abschnitt zum erwähnt kritisch den antimuslimischer Rassismus und den damit verbundenen (Anti-)Sexismus. Gemeint ist das rassistische Stereotyp vom „muslimischen Mann“, der die „deutsche Frau“ bedrohe.
Die Autorin weist darauf hin, dass sich hier das Stereotyp vollends gewandelt hat. Denn bis in die 1960er Jahre standen sich noch das prüde Christentum und der vermeintlich dekadente Orient (Haremserotik) gegenüber. Nun ist es angeblich der prüde Orient der dem dekadenten Westen gegenübersteht.
Der zweite Text-Abschnitt gerät leider reichlich seltsam. In ihm versucht die Autorin einen muslimischen Feminismus zu begründen. Da heißt es dann:

Mohammed, der Prophet des Islam, versuchte trotz heftigen Widerstandes die Unterdrückung der Fraue zu bekämpfen.

Zur Begründung dieser steilen These wird ein Koran-Zitat angeführt und auf seine erste Frau, eine eigenständige Kauffrau verwiesen. Seine zweite Frau, Aischa, die er laut islamischer Geschichtsschreibung, bereits als Minderjährige ehelichte, erwähnt die Autorin lieber nicht. So wird versucht aus einer patriarchal geprägten Religion durch selektive Rezeption und eingewillige Interpretation etwas herauszulesen, was in den Texten einfach nicht drin ist. Wie das Christentum, der Buddhismus und 98% aller Religionen ist auch der Islam in seinen Ursprüngen und den Texten eindeutig eine patriarchal geprägte Religion.
Religion ist aber immer was daraus gemacht wird. Dass heißt es kann auch eine emanzipierte, moderne Auslegung geben. Aber diese können meist nicht aus den theologischen Schriften abgeleitet werden, bzw. nur mit allerhand Verrenkungen und sehr eigenwilligen Deutungen. Die Versuche das trotzdem so tun, um sich zu legitimieren sind verständlich, aber besonders logisch wird diese Interpretation dadurch trotzdem nicht.
Aus dem Koran Feminismus herauszulesen wirkt ebenso bemüht und konstruiert wie Homosexuellenfreundlichkeit aus der Bibel oder Umweltschutz aus den Schriften von Marx. Es sind Rückprojektionen auf alte Texte, bei denen in diese Themen hineingelesen werden, die zur Entstehungszeit der Texte einfach keine Rolle spielten. Mohammed war einfach kein Vorkämpfer von Emanzipation, sondern wie jeder andere Mann seiner Zeit ein Patriarch, was sich selbstverständlich auch in seien Schriften (Koran) und Aussagen (Hadithen) abbildet. Das muslimische Männer vier Frauen haben dürfen oder das die Zeugenaussage einer Frau laut Koran nur halb so viel wert ist wie die eines Mannes, sind da nur mal zwei Beispiele.

Artikel über Sexismus und Kapitalismus und die Frauenbrigaden der YPG, des syrischen PKK-Ablegers, runden die Ausgabe ab.

Trotz des problematischer Abschnitte ist diese „fluter“-Ausgabe eine empfehlenswerte Lektüre, zumal sie umsonst ist. Viele Begriffe oder Analysekategorien werden nicht als bekannt vorausgesetzt, sondern nochmal erklärt. Das erhöht die Leser*in-Freundlichkeit ungemein.

„Unsagbare Dinge“ – eine feministische Streitschrift von Laurie Penny

Es gibt so Bücher, von denen möchte mensch einen Stapel erwerben, mit sich herumschleppen und bestimmten Personen ein Exemplar davon Zeugen-Jehovas-mäßig mit den Worten „Lies das dochmal!“ in die Hände drücken. Vielleicht ist der Glaube an die Veränderbarkeit der Menschen durch einzelne Bücher naiv, trotzdem bekam ich diese Bücherverteilungs-Idee bei der Lektüre von „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny. Ihre 2015 auf Deutsch erschienene feministische Streitschrift ist authentisch, wütend und kompromisslos. So schreibt sie auch gleich am Anfang:

„Dies ist kein Märchen.
Dies ist eine Geschichte darüber, wie Sex, Geld und Macht Mauern um unsere Fantasie errichten. Es handelt davon, wie unser Geschlecht unseren Träumen Zügel ankegt. Die wichtigsten politischen Schlachten der Menschheitsgeschichte wurden auf dem Gebiet der Fantasie geschlagen, und welche Geschichte wir uns zu erzählen erlauben, hängt davon ab, was wir uns vorstellen können.“ (Seite 9)

Was das Buch auch so lesenswert macht sind seine literarischen Qualitäten. Etwa wenn sie schreibt:

„Der Neoliberalismus kolonisiert unsere Träume. Er frisst unsere Freiheitsideale und spuckt sie als Strategien der Sozialkontrolle wieder aus.“ (Seite 11)

Stellenweise schimmert bei der Autorin trotz aller Wut auch immer wieder Humor durch:

„Seit fünfzig Jahren predigt das Patriarchat den Frauen sie sollten wieder in die Küche gehen, erst mit echter Wut, dann in einem ironischen, scheinbar witzig gemeinten Krypto-Sexismus: Geh wieder in die Küche, und schmier uns ein Brot, Liebes. Die Männer, die so darauf aus sind, dass Frauen und Mädchen wieder in die Küche gehen, sollten sich mal überlegen, was wir da womöglich anzetteln könnten. In der Küche kann man sich ziemlich schlimme Sachen ausdenken. Da bewahren wir auch die Messer auf.“ (Seite 24)

Penny kritisiert auch den weißen Mittelschichts-Feminismus, der sich nur an bestimmte Frauen* richtet:

„Man hat uns angelogen. Frauen meiner Generation wurde erklärt, wir könnten »alles haben«, solange »alles« Ehe, Baby, eine Karriere im Finanzwesen, ein Schrank voller schöner Schuhe und völlige Erschöpfung war und solange wir reich, weiß, hetero und artig waren. Für einen solchen Lebensstil braucht man natürlich eine Armee von Kindermädchen und Putzfrauen, und niemand hat sich bisher die Mühe gemacht zu fragen, ob auch sie »alles haben« können.“ (Seite 14-15)

Deswegen ist Feminismus für Penny keine Reformbewegung, sondern eine soziale Revolution:

„Feminismus ist eine soziale Revolution und eine sexuelle Revolution, und Feminismus gibt sich keinesfalls mit der Missionarsstellung zufrieden.“ (Seite 24-25)

In einem der Buchkapitel kritisiert Penny die Suche nach dem „perfekten Mädchen“, ein Konstrukt im Westen, was beständig reproduziert wird:

„Das perfekte Mädchen ist ein unbeschriebenes Blatt, mit gerade soviel Persönlichkeit, dass einer sie für interessant genug hält, mit ihr ins Bett zu gehen. Seit Generationen behandeln männliche Autoren, Arbeitgeber und Liebhaber die Persönlichkeit eines Mädchens als Schmuck und nicht als Ausdruck ihrer Handlungsfähigkeit.“ (Seite 61)

Penny bezeichnet das auch als „Prinzessinenpropaganda“.
Für Frauen* fungiert, wie Penny feststellt, Schönheit als „soziales Kapital“ oder „erotisches Kapital“. Dieses gilt es sich anzueignen und zu bewahren. Wer versagt oder sich dem verweigert, der wird schnell eine „Anpassungsstörung“ diagnostiziert.

Auch ihre Ausführungen zum Thema Cybersexismus sind treffend. Entgegen früherer Hoffnungen entpuppte sich das Internet nämlich ganz und gar nicht als Raum jenseits von Geschlechterrollen. Frauen* und Mädchen*, die das thematisieren, problematisieren und kritisieren, werden Opfer sexistischer shitstorms:

„Im Jahr 2011 schrieb ich, die Meinung einer Frau sei der Minirock des Internets: Wenn sie einen hat und es wagt, ihn in der Öffentlichkeit zu zeigen, hat sie sich jede Beleidigung, die ihres Weges kommt, wahrlich verdient – sie hat es geradezu herausgefordert.“ (Seite 197)

Auch das Thema Sex behandelt sie in einem Kapitel. Hier ist einer der Unterschiede zu altfeministischen Haltungen a la Alice Schwarzer zu finden. Für Penny ist beim Thema Porno nicht Sex das Problem, sondern der Sexismus.
Interessant ist auch die Haltung von Penny beim Thema Vergewaltigungskulturen und patriarchale Überwachung. Hier weist sie daraufhin, dass auch der gutgemeinte Schutz und die Tipps von Männern*, Frauen* und Mädchen* in ihrer Bewegungsfreiheit einengen.

Interessant ist auch, wie sie auch für die Gegenwart, in modernisierten Geschlechterbildern die ungleiche Rollenverteilung herausarbeitet:

„Dennoch sind für Männer die Grenzen zwischen Liebe und Arbeit klar gezogen. Für Männer soll Liebe die Belohnung sein, die sie für ihre Arbeit bekommen; für Frauen soll Liebe Arbeit sein.“ (Seite 243)

Besonders kritisiert sie die Fürsorgearbeit von Frauen* für Männer*:

„Vor dreißig Jahren war es völlig selbstverständlich, dass Frauen nach jeder Zusammenkunft den Abwasch machten. Heute dürfen wir den emotionalen Schmutz des modernen Lebens abwaschen – und der Spätkapitalismus versorgt uns mit einem nicht enden wollenden Nachschub an schmutzigem Geschirr.“ (Seite 246)

Diese Fürsorgearbeit betrifft auch eine Gruppe, die sie als „verlorene Jungs“ bezeichnet. Das sind Männer* die mit den an sie gerichteten Maskulinitäts-Vorstellungen nicht klar kommen. Trotzdem plädiert sie hier für einen gewissen Egoismus. Denn Frauen* müssen in Beziehungen sonst immer zuerst den Partner retten und finden so für ihre eigenen Probleme nur noch wenig Zeit.
Denn im Grunde haben nur weiße Hetero-Männer* im Westen sowohl das „Privileg der Rebellion“, als auch das der Verzweiflung.

Empfehlung: Lies das dochmal!

Laurie Penny: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution, Hamburg 2015.

Biss zur Emanzipation ist es noch weit

Die Twilight-Buchserie von Stephenie Meyer und ihre Verfilmungen sind auch in der Bundesrepublik sehr populär. Die Story spielt im Staat Washington in den Vereinigten Staaten in der Gegenwart. Bella, eine 17-jährige Schülerin, lernt Edward, er gehört zu einer Familie von quasi ‚vegetarischen‘ Vampiren, die sich nur von Tierblut ernähren und Menschenblut ablehnen, kennen. Sie werden ein Paar und haben mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Erfahrungen zu kämpfen. Soweit ist die Geschichte nichts Neues, das Grundschema findet sich ja bereits in Bram Stockers „Dracula“.
Meyer fügt noch eine weitere Figur hinzu, nämlich Jacob, der Native American ist und nach einiger Zeit feststellt dass er eine Art Antivampir-Werwolf ist. Jacob ist in Bella verliebt und versucht ihre Zuneigung zu gewinnen, wobei Bella aber in Edward verliebt ist und Jacob nur als guten Freund betrachtet.
Das Ganze ist so kitschig wie ein Arzt-Roman, wenn auch besser geschrieben. Es gab immer wieder auch Kritik an den darin vertretenen Geschlechterrollenbildern in dem Roman. Zu Recht! Wer sich einmal die Bücher mit kritischen Blick durchliest, die/der stößt auf ein überholtes Rollenbild beider Geschlechter.
Im Folgenden soll das kurz am Beispiel von „Biss zur Mittagsstunde“ von Stephenie Meyer, dem zweiten Teil der Serie, ausgeführt und mit Beispielen unterlegt werden.

Die Figur von Bella stellt sich in „Biss zur Mittagsstunde“ als eine unselbstständige Person dar, die beständig von Edward und Jacob bevormundet wird. Besonders die Beziehung zu Edward ist keinesfalls gleichberechtigt. Er ist der Ältere und Erfahrenere und scheint sich deshalb herauszunehmen, sie bestimmen zu können. Das fängt schon bei normalen Gesprächen an:

„“Ich hole sie gleich nach der Schule von zu Hause ab“. Er ignorierte mich einfach. „Edward bitte!“, begann ich. Aber er legte mir einen Finger auf die Lippen. „Lass uns später darüber reden, wir kommen zu spät zum Unterricht.““

Natürlich liebt Edward Bella, aber manchmal hat mensch eher den Eindruck er liebt Bella als Objekt und nicht als Subjekt.
So gilt es für ihn als Älteren und wesentlich Stärkeren ständig Bella zu beschützen: „Edward war kalkweiß als er sich umdrehte und schützend über mich warf.“
Die/der Leser*in könnte einwerfen, dass ja Bella tatsächlich viel schwächer und unerfahrener sei. Doch als Autorin, hat Meyer das so in ihrer Story konstruiert. Sie hätte Bella auch als eigenständige Frau mit eigenen Fähigkeiten entwerfen können. Stattdessen ist Bella nur die folgsame Freundin: „Er hielt mir die Beifahrertür auf und ich stieg widerspruchslos ein.“ Ihre individuellen Wünsche werden von Edward ignoriert: „Er wartete meine Antwort erst gar nicht ab.“
Ständig bevormundet und hilft Edward Bella, auch da wo es nicht notwendig ist: „Er nahm mir die Schultasche ab, das war normal.“
Viele Menschen würden dieses Verhalten nur als höflich empfinden und nicht als Bevormundung oder gar Sexismus. Doch Frauen* z.B. immer die Türe aufzuhalten, nur weil sie Frauen* sind, markiert sie als per se schwächer. Da mag das noch so höflich erscheinen, transportiert aber die Botschaft: Ich als stärkerer Mann* halte Dir als schwächere Frau* die Tür auf. Ansonsten wird die Tür ja nur tatsächlich nur Schwächeren oder Unbeholfenen aufgehalten, z.B. Senioren oder Kinderwagen-Fahrer*innen. Dieser in Höflichkeit gehüllte Sexismus ist trotz seiner Nettigkeit eine Form von Sexismus.
Bella ist Edward derart hoffnungslos verfallen, dass sie all das hinnimmt. Die wenige Versuche selbstständig zu agieren scheitern, so heißt es an einer Stelle: „Das sollte wütend klingen, aber es klang nur flehend.“
Im Verlauf von „Biss zur Mittagsstunde“ verschwindet Edward irgendwann und die Beziehung zu Jacob wird stärker, auch wenn Bella Edward treu bleibt.
Jacob respektiert die Grenzen von Bella ebenfalls nicht wirklich: „Bei seinen Worten wich ich zurück, aber er verstärkte seinen Griff.“ Die Autorin löst diese Situation, in dem sich herausstellt, dass Jacob Bella überzeugen kann, also im Grunde Recht hatte sie kurz mit Gewalt festzuhalten.
Auch für Jacob ist Bella eher „Bella-Schatz”, als eine eigenständige Person.
Zwar ist Edward andernorts, aber er kann im Fall einer Gefahr telepathisch mit Bella kommunizieren. Diese Fähigkeit wird aber eher zu einer Art mindcontroll Edwards über Bella, wenn er ihr befiehlt und sie folgsam gehorcht. Natürlich um mit dieser Unterwerfung unter die Anweisungen Edwards dann auch gerettet zu werden.

In der Twilight-Serie fungiert Edward als Neuauflage des Ritters in der weißen Rüstung, der kommt, um die Prinzessin zu retten. Die Rolle von Bella ist es dann auch vor allem durch ihren Ritter mit den spitzen Eckzähnen gerettet zu werden.
Sie geht eine Beziehung mit Edward ein, doch die Beziehung ist nicht gleichberechtigt. Sie ist eine junge Frau in der emotionalen Abhängigkeit von einem älteren Mann, sie „legte ergeben den Kopf an seine Brust“.
Die Rollenverteilung ist vorgestrig, aber auch der Verlauf der Geschichte ist vorhersehbar. Kein Buch, was mensch seiner kleinen Schwester schenken sollte. Gleiches gilt das für die Verfilmungen, die das Rollenbild kritiklos übernehmen.
Buffy ist besser als Twilight
Doch auf Vampire, Werwölfe und Action muss mensch deswegen trotzdem nicht verzichten. Es gibt ja noch die TV-Serien „Buffy“ und „True Blood“. In der witzigen Serie „Buffy“ kämpft sich die Vampir-Jägerin Buffy selbstständig durch die Finsternis der Nacht. In „True Blood“ geht die Kellnerin Sookie zwar auch Beziehungen zu älteren Vampiren ein, behauptet aber immer ihre Eigenständigkeit gegenüber diesen. In beiden Serien gibt es zudem auch nicht-heterosexuelle Beziehungen und Charaktere.

Junge Alternative zeigt „Gesicht gegen verstaubte linke Ideologien!“

Die „Junge Alternative für Deutschland“, Nachwuchstruppe der „Alternative für Deutschland“, hat unter dem Motto „Gleichberechtigung statt Gleichmacherei“ eine Online-Kampagne gegen Feminismus gestartet. Es handelt sich um die Reaktion – im wahrsten Sinne des Wortes – auf eine Kampagne der Jusos. Die „Junge Alternative“ schrieb am 14. März 2014 auf Facebook:

Die Jugendorganisation der SPD hat eine Aktion gestartet, bei der sie Sprüche in der Hand hielten wie etwa: „Ich bin Feminist, denn wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden“. Da wir uns „Vernunft statt Ideologie“ auf die Fahnen geschrieben haben, konnten wir dies nicht so im Raum stehen lassen. Deshalb zeigt die Junge Alternative Gesicht gegen verstaubte linke Ideologien!

Die Aktion besteht darin, dass Jungalternative und ihre Sympathisant/innen sich selber zeigen mit Schildern auf denen sie begründen, warum sie den Feminismus, bzw. das was sie darunter verstehen, ablehnen. Auf den Schildern ist dann z.B. zu lesen:

Ich bin keine Feministin, weil ich mir gerne die Türe aufhalten und in die Jacke helfen lasse!

Dass Frauen mit dieser Art der ‚Höflichkeit‘ generell als schwächer („schwächeres Geschlecht“) gekennzeichnet, scheint die Verfasserin dieser Zeile nicht zu stören

Ich stehe auf Frauen, die den Feminismus ablehnen weil ich wahre Weiblichkeit wunderschön finde!!!

Diese Botschaft wurde offenbar von einer Person mit einem Selbstverständnis als Mann verfasst, der Frauen* nur nach ihrem Aussehen beurteilt.

Ich bin keine Feministin, weil mein Mann mein Fels in der Brandung ist – und nicht mein Klassenfeind!

Was Feminismus mit Klassenkampf zu tun haben soll, bleibt Geheimnis der Verfasserin. Das ein/e Partner/in ein ‚Fels in der Brandung‘ darstellen kann, ist ja schön, aber warum spricht das gegen den Feminismus? Ist dass das Klischee von der verbitterten und einsamen Feministin, was hier durchschimmert?

Ich bin kein Feminist, weil Familie wichtiger ist als Karriere und ich den Genderwahn stoppen will!

Der Urheber dieser ‚Weisheit‘ ist offenbar eine Person mit einem Selbstverständnis als Mann.
Im Kontext der Kampagne scheint er der Frau die Sphäre der Familie (u.a. Kindererziehung) zuzuordnen. Wohlgemerkt, dem Mann ist damit seine Karriere wichtiger als die seiner Partnerin.

Mit dieser dümmlichen Kampagne hat sich die „Alternative für Deutschland“ antifeministisch positioniert. Neben vielen anderen Gründen ein weiterer ihr nicht die Stimme zu geben.

LESETIPP: Merle Stöver: Genderwahn und Gleichmacherei – die „Junge Alternative“ der AfD offenbart ihr Frauenbild, 28. März 2014, http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/genderwahn-und-gleichmacherei-die-afd-offenbart-ihr-frauenbild-9367